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Inspiration oder Imitation?

Matthias Leidinger


Out of the box denken, etwas Neues erschaffen – wie geht das?

Das ist eine Frage, die ich mir als Fotograf tagtäglich stelle. Denn ein gutes Foto zu machen ist mittlerweile einfach. Vor allem dadurch, dass heutzutage jeder über die sozialen Medien und rund um die Uhr mit Fotos in Berührung ist und seine eigene Kamera in Form eines Smartphones ständig bei sich trägt. Inspiration und Gelegenheit gibt es also genug.

Das Problem, das durch die Masse an Fotos entsteht, die für soziale Plattformen wie Instagram gemacht werden, ist, dass sich viele der Bilder sehr ähneln, weil oft nur die Fotos anderer nachgeahmt werden.

Dieses Phänomen findet seinen Ursprung meiner Vermutung nach nicht nur darin, dass sich viele ihre Fotoideen bei Social-Media-Bekanntheiten abschauen, um selbst möglichst viele Likes zu generieren, sondern auch in Folgendem:

Der Mensch neigt dazu, bereits Gesehenes unterbewusst zu kopieren. Das ist vermutlich jedem bereits passiert: Man hat eine geniale Idee, von der man denkt, sie wäre die Eigene – in Wirklichkeit hat man nur etwas sehr Ähnliches gesehen und im Unterbewusstsein abgespeichert. Diese Erinnerung bleibt dann lange inaktiv, bis sie nach längerer Zeit als vermeintlich origineller, eigener Einfall wieder in den Vordergrund rückt. In der Psychologie spricht man dabei von Kryptomnesie. Erstmals davon erfahren habe ich in einem sehr interessanten Video des Fotografen Jamie Windsor, das ich jedem ans Herz legen kann, der sich auf irgendeine Art und Weise kreativ betätigt.

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Diese Tatsache hat mir die folgenden Tage sehr zu denken gegeben. Das Problem ist eigentlich ganz leicht zu lösen: Um nicht unbewusst die Arbeit anderer zu kopieren, muss man sie bewusst kopieren und eigene, kreative Elemente hinzufügen oder verändern, bis das Werk der Inspiration nur noch entfernt ähnelt. Das anfängliche Nachahmen von bereits existierenden Werken ist für mich ein wichtiger Schritt jedes kreativen Prozesses, solange er bewusst gemacht wird.

Those who do not want to imitate anything, produce nothing.

Salvador Dalí

Gerade als Fotografie-Anfänger habe ich hauptsächlich die Fotos meiner Vorbilder nachgemacht. Allerdings ohne dabei besonderen Wert auf die Individualität meiner Bilder zu legen. Während mir das zwar sehr geholfen hat, die technischen Aspekte einer Kamera zu verstehen, sind im Nachhinein betrachtet keine Bilder entstanden, auf die ich besonders stolz bin.

Mein heutiger kreativer Prozess hat sich mittlerweile stark verändert – genau wie meine Inspirationsquellen. Die Fotografen, die mich damals beeinflusst haben, verfolge ich immer noch, aber ich finde aktuell viel Anregung in anderen Medien, momentan vor allem in Filmen. Hier sind ein paar Film-Aufnahmen, die mir besonders gefallen haben, inklusive meiner eigenen Interpretationen:

Blade Runner 2049, Director: Denis Villeneuve
links: Blade Runner 2049, Director: Denis Villeneuve | rechts: meine Interpretation
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Zimna Wojna, Director: Paweł Pawlikowski | rechts: meine Interpretation
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links: Frantz, Director: François Ozon | rechts: meine Interpretation

Wenn ich einer Person, die sich beim Fotografieren verbessern möchte, einen einzigen Rat geben dürfte, dann wäre es, sich möglichst viele Bilder anzusehen und diese auch zu sammeln, nicht nur digital, sondern auch physisch. Durch das ständige Betrachten entwickelt man mit der Zeit einen Blick für Bildkomposition, der einen durchgehend begleitet. Für mich ist Fotografie, genau wie Kreativität im weitesten Sinn, vergleichbar mit einem Muskel – wenn man sie ständig trainiert, entwickelt sie sich weiter, kann andernfalls aber auch stagnieren oder sogar wieder schwächer werden. Ich versuche meinen Blick immer zu trainieren, indem ich nach neuen Perspektiven oder interessanten Details in meiner Umgebung Ausschau halte.

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Dabei werde ich oft an den verschiedensten Orten fündig, von Hausdächern über Treppenhäuser. Mittlerweile ist keiner meiner Freunde mehr verwundert, wenn ich ihnen erzähle, dass ich einen Teil meines letzten Städtetrips in architektonisch interessanten Parkgaragen verbracht habe.

Auf der Suche nach ansprechenden Motiven halte ich vor allem nach scharfkantigen Kontrasten zwischen Licht und Schatten und Führungslinien Ausschau. Ein starker Kontrast verleiht der Szene etwas Abstraktes, wodurch sonst alltägliche Anblicke oft entfremdet werden und eine neue Blickweise bieten. Das kommt vor allem auf Schwarz-Weiß-Bildern zur Geltung:

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Die gerade erwähnten Führungslinien sind ein Kompositionsmittel, das besonders dazu dient, die Augen des Betrachters dorthin zu lenken, wo sich das Motiv befindet:

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Doch all die Kompositionsmittel der Welt helfen wenig, wenn das Foto keine greifbare Emotion vermittelt – deshalb ist das wichtigste Element meiner Fotos beinahe immer ein Mensch. Egal, ob durch ihn die schiere Größe eines Gebäudes begreiflich gemacht wird oder durch den Gesichtsausdruck einer Person eine ganze Geschichte erzählt wird; Menschen bringen Leben in ein sonst stilles Bild.

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Aber das sind nur meine persönlichen Ansichten über Bildgestaltung und ich bin mir sicher, dass man, wenn man 100 verschiedene Fotografen fragen würde, 100 verschiedene Antworten erhielte. Deshalb ist es schlussendlich das Wichtigste, Fotos zu machen, wie man sie selbst machen will. Dabei sollten weder die Anzahl an Instagram-Likes, diverse Kompositionsregeln oder die Meinung anderer eine Rolle spielen, sondern nur das Gefühl, das man hat, wenn man auf den Auslöser drückt.

Teaserside Matthias Leidinger Fotografie

Matthias Leidinger

Seit Matthias im Winter 2015 mit dem Fotografieren begann, hat er die Kamera nicht mehr aus der Hand gelegt. Ein Blick auf die Bilder des 17-jährigen Wieners zeigt sein enormes Talent.


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